Ausgabe 24, 9. bis 15. Juni 2018

Ertappt: Von Gott zur Rede gestellt, schiebt Adam die Schuld Eva zu und diese der Schlange (Ausschnitt aus dem Triumphkreuz der Kirche von Öja auf Gotland, Schweden, um 1275). (Foto: Wolfgang Sauber/Wikimedia)Ertappt: Von Gott zur Rede gestellt, schiebt Adam die Schuld Eva zu und diese der Schlange (Ausschnitt aus dem Triumphkreuz der Kirche von Öja auf Gotland, Schweden, um 1275). (Foto: Wolfgang Sauber/Wikimedia)


GENESIS 3,9–15
Gott, der Herr, rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich. Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verboten habe? Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen. Gott, der Herr, sprach zu der Frau: Was hast du da getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.
Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens. Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.

Einheitsübersetzung


Schon im Garten Eden: Der andere wars!

«Papa, glaubst du eigentlich daran, dass Gott die Welt in nur sieben Tagen erschaffen hat?» – Damit konfrontierte mich jüngst mein Sohn, der in der Schule mit einem Klassenkameraden einen Disput geführt hatte: Theologie versus Naturwissenschaften. Bei dieser unverhofften Frage musste ich zunächst einmal etwas schlucken und dann Luft holen. Währenddessen flogen mir tausend Gedanken durch den Kopf: Oh je, wie erkläre ich das einem Zehnjährigen? Um was geht es denn bei der Schöpfungsgeschichte? Was ist eigentlich meine eigene, persönliche Auffassung?

Als ehemaliger Hobbyastronom war ich mit etlichen Entstehungstheorien laienhaft vertraut, und ich erinnerte mich zudem an eine Weiterbildung, bei der ein promovierter Physiker, Philosoph und Theologe in Personalunion mit uns Teilnehmern diese Fragen abgeklappert hatte. Am nachhaltigsten in Erinnerung blieb mir seine Warnung in Erinnerung, Theologie und Naturwissenschaft unter einen Hut kriegen zu wollen. In seinen Augen waren die Fragestellungen zu unterschiedlich: Während sich die Naturwissenschaft für das Warum interessiere, frage die Theologie nach dem Wozu. Das naturwissenschaftliche Kausalitätsdenken sei nicht kompatibel mit dem theologischen Fragen nach dem Sinn. So versuchte ich meinem Sohn klar zu machen, dass der Schöpfungsbericht nicht im Sinne eines historischen Romans zu lesen sei, sondern dass er wesentliche Dinge aussagen will über den Menschen und seine Beziehung zu Gott.

Um genau das geht es auch in der hier vorgestellten Sequenz, die klassischerweise als «Sündenfall» charakterisiert wird. Allerdings wird diese Zuweisung der Sache nur halbwegs gerecht. In meinen Augen geht es weniger um die Frage von Sünde und Schuld, sondern vielmehr darum, dass der Mensch seine kindliche Unschuld verliert, indem er sich der Erkenntnis von Gut und Böse bemächtigt.

Gelegentlich pflege ich zu sagen, dass jeder Mensch im innersten Kern darum weiss, was gut ist und was böse. Ich finde, dass es in uns angelegt ist. Dabei machen wir auch immer wieder selbst die Erfahrung, dass wir eigentlich das Gute wollen, es aber nicht tun, im Gegenteil! Und so ganz vertraut kommt mir auch die Reaktion von Adam und von Eva vor: Der andere wars! So entsteht eine ganze Verkettung von Unfriede und Streit, auch unter engsten Verwandten. Als Sozialarbeiter erfahre ich dies oft dann, wenn die Eltern sterben, und wenn es ums Erben geht. Da ist jeder sich selbst der Nächste, und es fangen Streitigkeiten an, bei denen man schlussendlich nicht einmal mehr weiss, wer überhaupt angefangen hat.

Um was geht es dann in dieser biblischen Urgeschichte im Sinne des «Wozu»? In meinen Recherchen zum Text bin ich auf einen Gedanken von Blaise Pascal gestossen, der in meinen Augen den Kern der gesamten Schöpfungsgeschichte erfasst: «Gefährlich ist es, dass man den Menschen zu sehr darauf hinweist, dass er den Tieren gleicht, ohne ihm zugleich seine Grösse vor Augen zu führen.» Noch gefährlicher ist es, wenn man ihm seine Grösse ohne seine Nichtigkeit vor Augen führt.»

Mathias Jäggi, Theologe und Sozialarbeiter in der Pfarrei Heilig-Kreuz,
Binningen-Bottmingen, Berufsschullehrer und Fachhochschuldozent

 

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