Ausgabe 16, 14. bis 20. April 2018

Opferkerzen (wie hier in der Kathedrale von Vigevano in Italien) sind nicht ein Opfer im eigentlichen Sinn, sondern werden als sichtbares Zeichen des Gebets, oft in einem speziellen Anliegen, aufgestellt. (Foto: Regula Vogt-Kohler)Opferkerzen (wie hier in der Kathedrale von Vigevano in Italien) sind nicht ein Opfer im eigentlichen Sinn, sondern werden als sichtbares Zeichen des Gebets, oft in einem speziellen Anliegen, aufgestellt. (Foto: Regula Vogt-Kohler)


Genesis 1–3.9–12
Gott stellte Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
Gott sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.
Frühmorgens stand Abraham auf, sattelte seinen Esel, holte seine beiden Jungknechte und seinen Sohn Isaak, spaltete Holz zum ­Opfer und machte sich auf den Weg zu dem Ort, den ihm Gott genannt hatte.
Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, fesselte seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.
Schon streckte Abraham seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.
Da rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
Jener sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiss ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.

(Einheitsübersetzung)


Gott braucht keine Opfer!

Schaurig und unvorstellbar! Aber es gab tatsächlich eine Zeit – und das selbst im Umfeld des biblischen Glaubens – in der unsere Vorfahren glaubten, Gott ein wohlgefälliges Werk zu erweisen, wenn sie ihm Menschen – sogar ihre Kinder – opferten. Gott will das nicht!

Dieser oft missverstandene und etwas düster daherkommende Text vom Opfer Isaaks macht dies – und nichts anderes – zuallererst deutlich: Gott will keine Menschenopfer!

Auch wenn später andere Interpretationen dazukamen, so sind sich die meisten Exegeten einig, dass dieser Text ursprünglich keine andere Aussage hatte: Gott will keine Menschenopfer!

Es hat lange gedauert, bis die Menschen das begriffen haben. Und es hat noch länger gedauert, bis ihnen klar geworden ist, dass er auch keine Tieropfer will. Und vermutlich wird es noch viel länger dauern, bis wir alle endlich einsehen, dass Gott gar keine Opfer will!

Nachlesen können wir es schon seit Jahrhunderten. Schon beim Propheten Hosea steht geschrieben: «Liebe will ich, nicht Schlachtopfer, Gotteserkenntnis statt Brandopfer!»

Wie lange wird es noch dauern, bis wir einsehen, dass Gott nichts von uns braucht, dass wir ihm nichts geben müssen, weil er doch alles schon lange hat. In verschiedensten Bereichen unseres Lebens wird uns Leistung abverlangt; wir sollen das Beste von uns geben. Gott aber will nichts von uns – er will das Beste für uns.
Natürlich fordert das Leben von uns allen immer wieder Opfer und Verzicht. Diese Opfer dienen aber nicht Gott, sondern uns selbst und unseren Mitmenschen.

Und wie steht es denn um den Opfertod Jesu am Kreuz? Auch Jesus hat kein Opfer für seinen Vater gebracht. Gott braucht so etwas nicht. Jesus opfert sich uns – und das nicht einfach, indem er am Kreuz stirbt. Das Opfer, das Jesus für uns bringt, ist sein ganzes Leben.

Er schenkt uns sein Leben, damit wir zur Erlösung finden. Damit es auch in unserem Leben Ostern werden kann.

Denn durch sein Leben hilft er uns zu leben, befreit uns von dem Wahn, Gott gegenüber etwas leisten zu müssen, befreit uns von der Angst, einer Unzahl von Vorschriften gerecht werden zu müssen, und befreit uns vor dem Bild eines grausamen, alle Fehler aufrechnenden Gottes.

Jesu Sterben war notwendig, aber nicht für Gott. Es war not-wendend für uns. Denn Gott hat Jesus vom Tod auferweckt und uns damit gezeigt, dass er nicht den Tod will, sondern das Leben, dass selbst der Tod all das, wofür Jesus gelebt hat, nicht zunichtemachen kann.

Jesus lebt, und er selbst hat uns die Worte Hoseas noch einmal in Erinnerung gerufen: «Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer.» Gott will keine Opfer – keine von Tieren und erst recht keine von Menschen. Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit und Güte und Liebe. Der Dienst am Menschen ist letztlich der wahre Gottesdienst. Denn was wir dem Geringsten seiner Brüder und Schwestern getan haben, das haben wir ihm getan.

Nadia Miriam Keller, Theologin, ursprünglich Pflegefachfrau, arbeitet in der Pfarrei St. Odilia, Arlesheim

 

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