Ausgabe 49, 2. bis 8. Dezember 2017

«Wir sind der Ton, du bist die Töpferin, wir alle sind das Werk deiner Hände.» (Bibel in gerechter Sprache) (Foto: Frank Radel/pixelio.de)«Wir sind der Ton, du bist die Töpferin, wir alle sind das Werk deiner Hände.» (Bibel in gerechter Sprache) (Foto: Frank Radel/pixelio.de)


JESAJA 63, 16b–17. 19b; 64, 3–7
Du, Herr, bist unser Vater, «Unser Erlöser von jeher» wirst du genannt. Warum lässt du uns, Herr, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, so dass wir dich nicht mehr fürchten? Reiss doch den Himmel auf, und komm herab, so dass die Berge zittern vor dir. Seit Menschengedenken hat man noch nie vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge gesehen, dass es einen Gott gibt ausser dir, der denen Gutes tut, die auf ihn hoffen.

Ach, kämst du doch denen entgegen, die tun, was recht ist, und nachdenken über deine Wege. Ja, du warst zornig; denn wir haben gegen dich gesündigt. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind. Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen. Und doch bist du, Herr, unser Vater.
Wir sind der Ton, und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.

Einheitsübersetzung, gekürzt


Wer nachdenkt und handelt, der lässt sich formen

Ein Klagelied wird uns zugemutet zu Beginn der Adventszeit. Ein Klagelied über die Abwesenheit Gottes, mit starken Worten, mit flehenden Bitten: «Reiss doch den Himmel auf!» «Komm herab, sodass die Berge zittern!» «Ach, kämst du uns doch entgegen!» So viel Sehnsucht steckt in diesen Rufen, so viel Verzweiflung darüber, dass die Welt schlecht und ungerecht ist, dass niemand Gottes Namen anruft, dass die Schuld uns fortträgt wie der Wind die welken Blätter. Es steckt Erkenntnis und Selbsterkenntnis in diesem Text und damit auch die Bereitschaft zur Umkehr.

Doch bei aller Klage – sie gründet trotz allem auf grossem Vertrauen. Vertrauen in den, an den sich die Klage richtet und der es richten könnte, damit es wieder recht und gerecht zugehe. Damit er sich wieder zeige, sich nicht mehr verberge. «Und doch bist du unser Vater.» Und doch bist du unsere Mutter, möchte ich ergänzen, und auch Jesaja formuliert so an anderer Stelle: «Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen; eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht.» (Jes 49, 15). Damit wird eine tiefe, vertrauensvolle Beziehung ausgedrückt. Und dieses übergrosse Vertrauen mündet in das Bekenntnis: «Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.»

Möchten wir das? Sagt uns dieses Bild zu? Möchten wir uns formen lassen wie Wachs? Von Gott, dem Töpfer, der Töpferin? Dieses Bild scheint uns auf den ersten Blick zu willenlosen Objekten zu machen. Aber es ist mehr als das, es geht tiefer. Wenn Gott denen entgegenkommt, die tun, was recht ist, und die nachdenken über seine Wege, dann haben genau diejenigen sich schon formen lassen. Haben nachgedacht und betrachtet, was Gottes Wege sind, ja, was sein Wille ist. Und sie versuchen, ihren Willen dem Willen Gottes anzugleichen, mit ihm in Übereinstimmung zu bringen.

Das ist nichts Passives, im Gegenteil. Es ist ein starker Willensakt, immer wieder neu zu erkennen, was Gottes Wille im Leben des oder der Einzelnen ist und danach zu handeln. Nicht umsonst bringt die uns im Deutschen so vertraute Vaterunserbitte «dein Wille geschehe» in anderen Sprachen ein sehr aktives Mittun zum Ausdruck: «que ta volonté soit faite», «sia fatta la tua volontà», «Thy will be done»: «dass dein Wille getan werde».

Und das ist unsere Aufgabe nicht nur in dieser Adventszeit, sondern in unserem ganzen Leben: Gottes Willen zu tun, damit seine Anwesenheit spürbar und sichtbar wird in unserer Welt. Sein Kommen nicht nur zu erflehen, wie wir es ja tun im Adventslied «O Heiland, reiss die Himmel auf», sondern ihn, den Verborgenen, in unserer heilsbedürftigen Welt sichtbar zu machen. Damit er nicht mehr sein Angesicht vor uns verbirgt, sondern sich als menschgewordener Gott zeigt: in jedem Menschen, der schwach ist und unsere Hilfe braucht wie das Kind in der Krippe.

Dorothee Becker

 

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