Ausgabe 19, 5. bis 11. Mai 2018

Mario Galgano erklärt die Sendezonen von Radio Vatikan, das in 40 Sprachen sendet. (Foto: Sylvia Stam, kath.ch)

«Unsere Aufgabe? Wir erklären den Papst»

Der Schweizer Mario Galgano arbeitet in Rom für Vatican News, früher Radio Vatikan

Mario Galgano ist die Schweizer Stimme der deutschsprachigen Abteilung von Vatican News. Im Interview erzählt er, was sich seit der Reform von «Radio Vatikan» zu «Vatican News» geändert hat. Und was die Spontaneität von Franziskus für Vatican News bisweilen bedeutet.

Warum heisst «Radio Vatikan» jetzt «Vatican News»?
Mario Galgano: Radio Vatikan hiess vorher in jeder Sprache anders. Mit «Vatican News» hat man eine Etikette, die in allen Sprachen gleich lautet.

Aber es geht ja um mehr als nur eine Namensänderung.
Ja, vorher leisteten alle Medien unabhängig voneinander ihre Dienste: Das Radio machte Radio, das Fernsehen sendete Filme, die Zeitung publizierte Texte. Jetzt sind wir multimedial aufgestellt. Jeder Mitarbeiter von Vatican News ist für alles zuständig. Ich habe beispielsweise früher nur Radio gemacht, mittlerweile mache ich auch Internetvideos, ich schreibe fürs Web, ich produziere Audios und ich mache Foto-Layouts.

Was ist dabei die grösste Herausforderung für Sie?
Vorher hatte ich nur mit zwei Sinnen zu tun – sprechen und hören. Jetzt muss ich alle fünf Sinne benutzen, damit ich meine Arbeit machen kann. Diese Umstellung betrifft allerdings nicht nur Radio Vatikan, sondern alle Medien weltweit. Der Vatikan stellt sich dieser Neuerung. Herausfordernd ist auch, dass die User durch die neuen Medien unmittelbar reagieren und interagieren können.

Wie lauten denn die Reaktionen?
Sie sind sehr unterschiedlich. Es gibt User, die ihre Freude ausdrücken, andere ärgern sich. Im kirchlichen Bereich gibt es viele Meinungen, da wird die Auseinandersetzung durchaus auch gesucht. Im deutschsprachigen Raum, vor allem in der Schweiz, wird die Möglichkeit, aktiv reagieren zu können, sehr rege genutzt.

Ist Vatican News das Sprachrohr des Vatikans?
Wir sind nicht die Marketingabteilung des Vatikans. Ziel und Zweck von Vatican News ist es, den Papst zu erklären: Was sagt er – das bedeutet in erster Linie Übersetzungsarbeit – und was meint er damit? Wir sind sozusagen Papstkenner, nicht Papstsprecher. Der Sprecher vertritt die Position des Papstes. Wir stellen dar, was er sagt, und versuchen auch den Kontext zu erklären, warum er etwas sagt.

Wie unabhängig ist Vatican News?
Es gibt bei Vatican News keine Zensurstelle. Wenn der Papst zum Thema Abtreibung etwas sagt, würden wir das Thema sicher aufgreifen, aber wir beziehen nicht Stellung dazu. Unsere News sind in allen Sprachen distanziert und sachlich. Das wird auch oft kritisiert.
Über all die Missbrauchsgeschichten beispielsweise haben wir von Anfang an berichtet. Auch so genannte «heisse Eisen» wie Zölibat oder Euthanasie sind keine Tabuthemen. Aber wir brauchen natürlich einen Anlass, um darüber zu berichten. Das kann ein Bischof sein, der etwas dazu sagt, aber auch ein katholischer Politiker.

Was ist ausser den Äusserungen des Papstes Thema?
Vatican News hat den Auftrag, all denen in der Weltkirche eine Stimme zu geben, die sonst keine haben. Überall auf der Welt gibt es Menschen, die direkt oder indirekt im Namen der katholischen Kirche tätig sind und etwas erleben. Davon würden die meisten in der Schweiz nichts mitbekommen.
Dabei geht es im weitesten Sinne auch um Gewissensbildung. Im Wort «Gewissen» steckt das Wort «Wissen». Um mein Gewissen aufbauen zu können, brauche ich Wissen. Kann mein Gewissen ruhig leben, wenn ich weiss, dass 5000 Kilometer von mir entfernt Kinder in einem Krieg sterben? Unsere Aufgabe ist es, auch dorthin zu schauen und diesen Stimmlosen eine Stimme zu geben.

Franziskus gilt als Medienstar. Was bedeutet das für Vatican News?
Mehr Arbeit! Man muss ihm manchmal hinterherrennen. Er ist ja als Protokollschreck bekannt, der spontan etwas anderes macht, als was abgemacht war. Das ist medial natürlich interessant, denn solche Szenen lassen sich gut ins Bild setzen. Für uns ist das aber dennoch immer ein überraschender Moment. Wir sind ständig in Alarmbereitschaft.

Interview: Sylvia Stam, kath.ch


Die Schweizer Stimme bei Vatican News

Mario Galgano (38) ist in Schwyz geboren und aufgewachsen. Der Historiker war Informationsbeauftragter und Sprecher der Schweizer Bischofskonferenz. Seit 2006 ist er die Schweizer Stimme des deutschsprachigen Programms von Radio Vatikan, das 2017 in Vatican News umgewandelt wurde. Galgano ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Bei Vatican News sind laut Galgano 650 Personen angestellt. Damit sei das Medienunternehmen der zweitgrösste Arbeitgeber sowie der grösste Budgetposten im Vatikan. Radio Vatikan sendet in 40 Sprachen, sieben davon wurden im Rahmen der Reform der vatikanischen Medien bereits in Vatican News überführt (deutsch, italienisch, englisch, französisch, spanisch, portugiesisch und polnisch). Die Medienreform ist nach der Wirtschafts- und Finanzreform die zweite Etappe der Kurienreform des Papstes.

sys

 

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