Ausgabe 49, 2. bis 8. Dezember 2017

Adventsdüfte in der Luft

Christian von Arx.

«Ehret die Frauen!
Sie backen und trölen
himmlische Kuchen
für irdische Lölen.»

Dieser Spruch lachte einst die Gäste des Berner Casino-Restaurants aus einer Wandnische an. Von einem Maler in schwungvollen Buchstaben gestaltet, war er Teil des Wandschmucks im Innern dieser Gaststätte. Frech hatte der unbekannte Schreiber ein klassisches Gedicht von Schiller abgewandelt, derb und mundartnah. Zu meinem Bedauern ist
der kleine Spottvers vor vielen Jahren einer ­modernen Neugestaltung des Lokals zum Opfer gefallen. Er passte nicht mehr zum neu gestylten Design.

Aus meinem Gedächtnis sind die paar Zeilen, warum auch immer, trotzdem nicht ganz verschwunden. Ab und zu kommen sie mir in den Sinn, ohne dass ich danach gesucht hätte. Zum Beispiel jetzt, im Advent, wenn sich der Duft der ersten Weihnachtsguetzli in den Wohnungen verbreitet. Es geht mir dabei nicht um die Rollenverteilung zwischen Frau und Mann. Heute gibt es ja viele Männer, die sich mit grossem Stolz als Weihnachtsbäcker betätigen. Vielleicht machen sich Paare gemeinsam in der Küche ans Werk, vielleicht helfen Kinder mit, vielleicht Grosseltern oder Freundinnen. Wichtig ist nur, dass die würzigen und süssen Kunstwerke mit Liebe gemacht werden: Der Teig nach dem erprobten Hausrezept gerührt, die Guetzli von Hand geformt oder ausgestochen und im eigenen Backofen gebacken. Damit es in der Wohnung duftet, wie es nur im Advent duftet.

Von Mailänderli, Chräbeli oder Zimtsternen steht nichts im Lukas-Evangelium. Aber für mich sind sie keinesfalls das Unwichtigste an Weihnachten. Sie gehören zum Advent wie die Kerzen und Adventskränze, Lieder, Krippen oder Weihnachtsbäume. Sie bringen uns in Weihnachtsstimmung, machen uns empfänglich für die Worte der Weihnachtsgeschichte. Es ist weihnachtliches Brauchtum, es ist unsere Art, das biblische Geschehen aus dem Morgenland in unsere dunklen Dezembertage zu übersetzen. Wer Weihnachtsguetzli backt, verschenkt oder geschenkt bekommt, probiert und geniesst, erlebt Gemeinschaft. Das ist Bestandteil des feinen Geschmacks im Gaumen. Wie der anonyme Dichter schrieb: Himmlische Kuchen für irdische Lölen.

Wohl uns, wenn wir uns in dieser hektischen Zeit einen Abend oder ein paar Stunden für die Weihnachtsvorbereitungen nehmen können! Vielleicht sind sie das eigentliche Weihnachtserlebnis in diesem Advent.

Christian von Arx

 

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