Ausgabe 6-7, 3. bis 16. Februar 2018

Greift in seinem Buch zentrale Fragen auf: Der Luzerner Kirchenrechtsprofessor Adrian Loretan, hier in der Basler Altstadt. (Foto: zVg) Greift in seinem Buch zentrale Fragen auf: Der Luzerner Kirchenrechtsprofessor Adrian Loretan, hier in der Basler Altstadt. (Foto: zVg)

Ohne Freiheit kein wahres Christsein

Ein Buch von Prof. Adrian Loretan behandelt die Spannung zwischen Kirchenrecht und modernem Rechtsstaat

In seinem neuesten Werk versucht der ­Luzerner Kirchenrechtler Adrian Loretan, das römisch-katholische Selbstverständnis mit den Grundlagen des modernen Rechtsstaates zu versöhnen. Dabei scheut er sich nicht, heikle Themen anzugehen.

Der Widerspruch ist offensichtlich: Hier eine – gemäss geltendem Kirchenrecht – als absolutistische Monarchie verfasste Kirche, in der Kleriker (ausschliesslich Männer) ohne demokratische Legitimierung und unabhängige Justiz regieren; dort der Rechtsstaat, der mit einem Katalog von Grundrechten die freiheitliche Selbstbestimmung der Individuen und die Mitbestimmung aller bei gesellschaftlichen Fragen garantiert. Es verschärft eher noch die Unglaubwürdigkeit, wenn die Kirche deklariert, sie sei eine «Grossbewegung zur Verteidigung und zum Schutz der Würde des Menschen» – so zitiert Loretan Papst Johannes Paul II.

Loretan hält fest, dass die römisch-katholische Kirche nach wie vor die Hälfte ihrer Mitglieder aufgrund ihres Geschlechts von wichtigen Leitungsämtern ausschliesst. Und zugleich erhebt sie mit ihren offiziellen Erklärungen zur Würde der Frau und dem Verbot von Diskriminierungen den Anspruch, in der Gesellschaft die Rolle einer ethischen Instanz wahrzunehmen. Wie soll sie da zum Beispiel über die Rolle der Frau im Islam – die Loretan auch anspricht – glaubwürdig mitdiskutieren? Und kann eine Kirche sich als Stütze des Rechtsstaates verstehen, wenn es ihr nicht gelingt, einen Grundrechtskatalog in ihr Rechtssystem aufzunehmen?

Soll der Staat eingreifen?
Da die Kirche in unseren Breiten öffentlich-rechtlich anerkannt ist, stellt der Rechtswissenschaftler die Frage, ob der Staat die Verletzung von Menschenrechten in der Kirche tolerieren müsse. Er zitiert den Philosophen Jürgen Habermas, der meint: «Warum geniesst die katholische Kirche das Recht, Frauen vom Priesteramt auszuschliessen, obwohl die Gleichberechtigung von Mann und Frau Verfassungsrang hat und in anderen Sektoren der Gesellschaft durchgesetzt wird?» Und Loretan stellt die Anschlussfrage: «Sind staatliche Behörden … berechtigt oder eventuell sogar verpflichtet, staatliche Leistungen an die römisch-katholische Kirche von einer bestimmten Form der Gleichstellung von Geschlechtern abhängig zu machen?»

Loretan betont aber, dass die Veränderung in den Religionen nicht Aufgabe des Staates sein kann. Vielmehr fordert er eine Erneuerung des Selbstverständnisses der römisch-katholischen Kirche. Er formuliert das Prinzip, nach dem eine Religion in einer pluralistischen Welt in einen echten Dialog mit den Menschen in Freiheit treten kann, wie folgt: «Absolute Wahrheitsansprüche sind immer relativ absolut, da diese Wahrheitsansprüche von einem Menschen vorgetragen werden, der, in einem historischen Erkenntnisprozess stehend, das von ihm als absolut Erkannte vorträgt.» Es ist dem engagierten Professor dafür zu danken, dass er die für die Zukunft der Kirche entscheidenden Freiheitsrechte immer wieder ins Gespräch bringt.

Florian Flohr


Adrian Loretan, Wahrheitsansprüche im Kontext der Freiheitsrechte, TVZ Theologischer Verlag Zürich, 2017. Loretan, geboren 1959 in Brig, ist seit 1996 Professor für Kirchenrecht und Staatskirchenrecht an der Universität Luzern.

 

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